Verein für die Geschichte Küstrins e.V.

Küstrins Untergang im Jahre 1945

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Eine militärhistorische Zusammenfassung

Fritz Kohlase

 

Von den im Zweiten Weltkrieg schwer getroffenen deutschen Städten weist Küstrin einige Besonderheiten auf:

  1. wurde 1945 für seine Niederkämpfung und Eroberung durch die Rote Armee zweimal ein Dankbefehl Stalins im Rundfunk verlesen und anschließend in Moskau Ehrensalut geschossen.
  2. erwähnte die DDR-Ausgabe der "Erinnerungen und Gedanken" Marschall Shukows, des berühmtesten sowjetischen Feldherrn des 2. Weltkrieges, die Eroberung Küstrins nicht, obwohl zwei Armeen seiner Front den Erfolg erzielt hatten. Nach der deutschen Kapitulation gab Shukow jedoch den Befehl zur Errichtung von drei Denkmälern, die an den Siegesweg der von ihm geführten 1. Belorussischen Front längs der Reichsstraße 1 erinnern sollten: In Küstrin auf der Bastion König, in Seelow und in Berlin-Tiergarten.
  3. brachte es General Bokow, der Politstellvertreter des Oberbefehlshabers der 5. sowjetischen Stoß-Armee, die Küstrin-Neustadt eroberte, bis zu seinem Tode nicht fertig, den Lapsus einer in Teilen unrichtigen Erfolgsmeldung in der DDR-Ausgabe seiner Memoiren zu erwähnen.
  4. Obwohl die Entfernung zwischen der eingeschlossenen Restbesatzung Küstrins und der HKL nur 8 Kilometer betrug, war die deutsche Wehrmacht Ende März 1945 trotz zweimaligen Versuches nicht mehr in der Lage, die Einschließung der Roten Armee von außen her aufzubrechen.
  5. Unterschiedliche Lagebeurteilungen über den Raum Küstrin führten zu Differenzen Hitlers mit dem Generalstabschef des Heeres. Bei der letzten Auseinandersetzung am 28.3. über den am Vortag mißlungenen zweiten Entsatzangriff zur Rettung Küstrins entließ Hitler daraufhin Generaloberst Guderian zu einer längeren Kur. Und das 5 Wochen vor dem Ende in Berlin und knapp 6 Wochen vor der deutschen Kapitulation! - Für Guderian ein unerwarteter Glücksfall vor dem Finale eines Untergangsszenarios.

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs beeinflußten vier Faktoren entscheidend den Untergang der damals unzerstörten, kleinen deutschen Industrie- und Garnisonsstadt, die beiderseits der Warthemündung in die Oder lag:

  1. Teil der deutsch-sowjetischen Front zu werden, an der sich die größten und blutigsten Schlachten des Krieges abspielten.
  2. Seine Bedeutung als Eisenbahn- und Straßenknoten.
  3. Ein wichtiges Bollwerk der letzten deutschen Front vor der Reichshauptstadt Berlin zu werden.
  4. Das Verhalten der Roten Armee gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung, das durch seine Unmenschlichkeit den deutschen Widerstand zusätzlich motivierte. (Innerhalb Ostdeutschlands erlitt Ostbrandenburg prozentual die höchsten Bevölkerungsverluste!)

Als der Sturmlauf der sowjetischen Armeen an der brandenburgischen unteren Oder Anfang Februar 1945 sein Ende fand, begann hier ein 10 Wochen dauerndes Ringen. Es endete am 14. April mit dem russischen Aufklärungsangriff zur Schlacht um die Seelower Höhen, einer Teiloperation der Schlacht um Berlin.

In der Zwischenzeit versuchte die Rote Armee, geeignete Ausgangsstellungen für diese Großoffensive zu erkämpfen, womit die Bildung eines durchgehenden Brückenkopfes in operativer Tiefe westlich der Oder zwischen Frankfurt und Wriezen gemeint war.

Die deutsche Wehrmacht bemühte sich um die Vereitelung dieses Zieles. Sie wollte die Ausdehnung der gegnerischen Anfangsbrückenköpfe verhindern, sie sukzessiv einengen, nach Möglichlichkeit sogar zerschlagen und damit das Westufer der Oder auf der gesamten Länge wieder unter deutsche Kontrolle bringen. Dazu stützte sich das hier befehlsführende Armee-Oberkommando 9 auf zwei eigene Brückenköpfe auf dem Ostufer, auf Frankfurt im Süden und das etwa 30 Kilometer stromabwärts liegende Küstrin im Norden. Beide Städte waren in der letzten Januardekade zu Festungen erklärt worden.

Geographische Bedingungen und Infrastruktur ließen zwischen Frankfurt und Wriezen drei Schwerpunkte entstehen: Den Raum Lebus mit dem Reitweiner Sporn - einen schmalen und bis zu 60 Meter das Umland überragenden Ausläufer des Lebuser Höhenlandes - Küstrin, sowie das sich zwischen dem Reitweiner Sporn und der Alten Oder bei Güstebiese erstreckende Oderbruch.

Hier standen sich im brandenburgischen Oderland zwischen der Mündung der Lausitzer Neiße und dem Hohenzollernkanal die deutsche 9. Armee unter General der Infanterie Theodor Busse und die sowjetische 1. Belorussische Front unter Marschall Georgi Shukow gegenüber. Letztere hatte gleichzeitig Schneidemühl und Posen zu erobern und mit ihren beiden Panzer- sowie vier allgemeinen Armeen - gemeinsam mit Teilen der 2. Belorussischen Front - die in Pommern operierenden deutschen Armeen zu bekämpfen.

Am 19. Februar umfaßte die 9. Armee mit dem V. SS-Gebirgs-Korps, dem XI. SS-Panzer-Korps und dem CI. Armee-Korps insgesamt 2 Panzer-Grenadier- und 6 Infanterie-Divisionen sowie die Festungsbesatzungen von Frankfurt und Küstrin. Die Gegenseite verfügte mit der 33. und der 69. Armee, der 8. Garde- und der 5. Stoß-Armee über insgesamt 1 Panzer-Korps und 31 Schützen-Divisionen. 6 weitere Schützen-Divisionen band zu dieser Zeit noch die Erstürmung Posens. Zahlenmäßig war die deutsche Seite etwa 1:3 unterlegen. ähnliches traf auf die Anzahl der Geschütze und Granatwerfer zu. Bei Panzern und Sturmgeschützen war die Differenz geringer. Erschwerend für die deutsche Seite wirkte sich der Mangel an Granaten aus. Das ungünstigste Kräfteverhältnis herrschte ab Mitte Februar in der Luft bei den Fliegern. [1]

Der bereits in geringer Tiefe Grundwasser aufweisende schwere Oderbruchboden wird in der Zeit des Tauwetters matschig und bei starker Belastung grundlos. Viele Gräben und kleine Flußläufe durchziehen das Oderbruch. Zwischen Reitwein und Wriezen war das Gelände eben, kaum bewaldet und bot vor Feindeinsicht wenig Schutz. Aus den Einzelgehöften und Ortschaften entwickelten sich wichtige Stützpunkte. Das Oderbruch, der Reitweiner Sporn und der Raum Lebus wurden zu Schauplätzen erbitterter Gefechte.

Das Schicksal machte diese Gegend an der unteren Oder zwischen der Mündung der Lausitzer Neiße im Süden und dem Hohenzollernkanal im Norden, im Westen die Seelower Höhen einschließend, zur umkämpftesten Weltkriegsregion des heutigen Deutschlands. Hier verlor die Rote Armee vom 31. Januar bis zum 18. April 1945 weit mehr als 50.000 Gefallene, 100 - 150.000 Verwundete und über 1.000 Panzer, Sturmgeschütze und Selbstfahrlafetten. Auch die deutschen Verluste waren schwer, wenn auch geringer als die sowjetischen. [2]

Küstrin liegt an zwei Flüssen, der Oder und der Warthe. Es ist eine Stadt mit Geschichte, besonders in militärischer Hinsicht. Bekannt wurde sie als brandenburgische Festungsstadt. Bis zum Ende der Befreiungskriege 1813/14 vor allem ihrer Stärke wegen. Kriegerische Auseinandersetzungen hatte sie sowohl mit Ruhm, als auch mit Schande überstanden. Die eigentliche Festung umfaßte die Altstadt. Von 1860 bis 1873 wurden zum Schutz der Oder- und Wartheübergänge die Lünetten B, C und D sowie das "Neue Werk" errichtet. Zwischen 1883 und 1890 folgte ein äußerer Verteidigungsgürtel mit den Forts Gorgast, Zorndorf, Säpzig und Tschernow. Der technische Fortschritt setzte im 19. Jahrhundert bei der Artillerie hinsichtlich Reichweite und Zerstörungskraft neue Maßstäbe, ließ die Festung von der Anlage her veralten und Küstrin bis 1888 in die Reihe der drittrangigen deutschen Festungen treten. Das faktische Ende kam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als ein Teil der Befestigungen bis Ende 1932 der Schleifung verfiel - in geringem Umfang vor dem Ersten Weltkrieg aus wirtschaftlichen, vor allem verkehrsbedingten Gründen, und mit starken Eingriffen durch den Friedensvertrag von Versailles. Ausgewählte, gegen Nordosten gerichtete Wälle, Toranlagen, Bastionen sowie Ravelins der Altstadt wurden abgerissen und Wassergräben zugeschüttet oder verändert. Und alles desarmiert! Damit war Küstrin keine Festung im eigentlichen Sinne mehr. Dennoch blieb es eine wichtige Garnisonsstadt. Seine militärische Bedeutung nahm nach 1933 wieder zu. Seine Lage an Oder und Warthe, in Verbindung mit ausgedehnten Überschwemmungsgebieten, machten die Stadt mit den verbliebenen Befestigungen auch weiterhin zu einem potentiellen Verteidigungsknoten. So war es 1944 folgerichtig, wenn die Überlegungen des Generalstabs des Heeres für den Fall eines Zusammenbruchs der deutschen Front an der Weichsel und die Errichtung einer neuen Verteidigungslinie an der Oder auch Küstrin - eines der beiden Tore nach Berlin von Osten her - zu deren Eckpfeilern gehören sollte und innerhalb der e-Linie zur Ausrufung als Festung vorgesehen wurde. Trotzdem waren hier, wie auch an anderen Orten, die seit Herbst 1944 durchgeführten Vorbereitungen erstaunlich gering. Energische Aktivitäten setzten erst ein, als die Russen bereits nördlich der Warthe auf den Raum Küstrin zurollten. [3]

Das Warthebruch reichte im Osten und Süden bis an den Stadtrand Küstrins. Bei Hochwasser entstand zwischen Küstrin-Altstadt, Warthe und der Oder ein kilometerweites Überschwemmungsgebiet. Trockene und sichere Passiermöglichkeiten boten dann nur die Deiche sowie die Dämme für Straßen und Eisenbahnen.

Der Stadtteil Kietz und Kuhbrücken-Vorstadt lagen westlich des Oder-Vorflutkanals, zwischen diesem und der Oder folgte die zur Altstadt gehörende Insel, zwischen Oder und Warthe die Altstadt und nördlich der Warthe die Neustadt als größter und modernster Stadtteil. 1939 lebten in Küstrin 23.800 Einwohner (ausschließlich des Militärs).

Damals war Küstrin ein wichtiger Verkehrsknoten. Hier kreuzten sich zwei wichtige Schnellzuglinien, die Ostbahn von Berlin nach Ostpreußen und von Breslau nach Stettin. Die Stadt war der Ausgangspunkt weiterer Bahnlinien und hatte vier Bahnhöfe. Hier schnitten sich die Reichsstraßen 1 (Aachen - Berlin - Königsberg in Ostpreußen) und 112 (Forst - Altdamm). Die Reichsstraße 114 (über Schwerin an der Warthe nach Posen) sowie die Chaussee nach Frankfurt über Göritz nahmen hier ihren Anfang. Allein zur Überwindung der Wasserläufe gab es im Stadtgebiet 10 Eisenbahn- und Straßenbrücken. Bis zum Berliner Stadtzentrum betrug die Entfernung 90 Kilometer.

Mit Beginn der sowjetischen Großoffensiven an der Weichsel und in Ostpreußen, vor allem aber seit dem 20. Januar 1945 - der Auslösung des Stichwortes "Gneisenau" - kamen, anfangs mit der Reichsbahn und später auf den Reichsstraßen 1 und 114, große Flüchtlingsströme in die Stadt, die sie durchfuhren oder nach kurzer Rast in Richtung Westen wieder verließen. Zunehmend unterbrach Militär in oft nur kleinen und kleinsten Gruppen die Trecks auf den Reichsstraßen.

Die für die Betreung der Flüchtlinge verantwortliche NSV, das Rote Kreuz und weitere Helfer versuchten Tag und Nacht, das furchtbare Elend etwas zu lindern.

Alles ging bei eisigen Temperaturen bis minus 20 Grad vor sich. Das Land lag unter einer dichten Schneedecke.

Am 25. oder 26.1.1945 wurde Küstrin zur Festung erklärt. Das bedeutete seine Verteidigung bis zum äußersten. Für den Festungskommandanten stellten sich anfangs drei Hauptaufgaben:

  1. Das Formieren einer Festungsbesatzung aus den in der Küstriner Garnison vorhandenen Ausbildungs- und Ersatz-Einheiten, Urlaubern, Genesenden, sich zurückziehenden Einheiten, aufzufangenden Versprengten sowie dem Volkssturm. Dabei mußte fehlende Infanterie durch Angehörige anderer Waffengattungen ersetzt werden.
  2. Das Anlegen von Verteidigungsstellungen, was infolge der Kälte und des gefrorenen Bodens auf große Schwierigkeiten stieß.
  3. Die Vorbereitung auf den in den Raum Küstrin vorstoßenden Feind.

Bereits am 24. Januar war das Volkssturm-Bataillon Hinz (Leiter der Küstriner Berufsschule) erneut alarmiert und nach Eintreffen der Kompanien aus Neudamm und Königsberg mit der Bahn nach Trebisch, nordwestlich von Schwerin transportiert worden. Unbewaffnet! Die für dort versprochenen Waffen gab es nicht. Die vorgesehenen Stellungen waren bereits anderweitig besetzt. Klare Befehle für das Bataillon wurden nicht empfangen. Deshalb befahl der Bataillonsführer aus eigenem Ermessen am 30.1. den Rückmarsch nach Küstrin. Zu Fuß und mit der Bahn erreichte es am Abend des 31.1. über die Sonnenburger Chaussee wieder seinen Ausgangsort. [4]

In Küstrin wurden die Brücken über Warthe und Oder in Sprengbereitschaft versetzt. Zusätzliche Wachen filterten an der Oderbrücke aus den Flüchtlingsströmen Soldaten heraus und führten sie in Auffangstellen in der Artillerie-Kaserne, wo ihre Eingliederung in neuaufzustellende Einheiten erfolgte. Die wenigen Männer unter den Zivilisten wurden ebenfalls oberflächlich auf Wehrfähigkeit oder Einsatz beim Volkssturm kontrolliert. Kommandos der Felgendarmerie arbeiteten sich mit dem gleichen Auftrag auf der Ausfallstraße Richtung Alt Drewitz vor. Damit sollten an der "Auffanglinie Oder" Flüchtende oder Versprengte der Wehrmacht aufgehalten, und der Fluß der zivilen Trecks besser kanalisiert werden, weil sie militärische Bewegungen beeinträchtigten. Dabei griff die Feldgendarmerie rigoros durch und erhängte in der Schlageterstraße vier deutsche Soldaten. [5]

Obwohl die Festungskommandantur richtige Schritte eingeleitet hatte, mangelte es ihr an Eigeninitiative. In einer Zeit, in der die deutsche Führung vorübergehend die Übersicht verlor, hätte sie auf noch existierenden Telefonnetzen das Vordringen der Russen erfragen können und Küstrin in höchsten Alarmzustand versetzen müssen. Denn in diesen Tagen gehörten die Fräulein vom Fernamt nicht nur zu den gutorientierten, sondern auch zu den pflichtbewußt ausharrenden Deutschen. So lautete am 30. Januar abends gegen 22 Uhr die vielleicht letzte Antwort der Soldiner Kollegin auf die Anfrage aus dem 40 Kilometer entfernten Küstrin: ,,Ja, wir sind erledigt, der Russe liegt vor uns im Wald, morgen früh kommt er, wir haben nichts zur Verteidigung, nichts kann uns mehr helfen - lebt wohl, lebt wohl!" [6]

Zwischen dem 30. Januar und dem 2. Februar gab es im Raum Küstrin zwei von der Stadt unabhängige Ereignisse, die die vielfältige Aura dieser apokalyptischen Tage mitprägten:

  • Am 30. Januar beging die Gestapo im 14 Kilometer ostwärts Küstrin gelegenen Zuchthaus Sonnenburg ein furchtbares Massaker. Hier befanden sich über 1.000 Gefangene aus verschiedenen Ländern. Spätabends erschien ein knapp 20 Mann starkes, motorisiertes Sonderkommando aus Frankfurt und erschoß innerhalb von vier Stunden 819 zuvor karteimäßig ausgesuchte Häftlinge. 5 weitere Gefangene überlebten schwerverletzt und konnten am 2. Februar von Sonnenburg einnehmenden Rotarmisten gerettet werden. [7]
  • Im deutschen Lazarett in Tamsel, 7 Kilometer nordostwärts Küstrin, blieben am 2. Februar die Rotekreuzschwestern und einige der Ärzte freiwillig bei den nicht mehr abzutransportierenden Schwerverwundeten zurück und gerieten mit diesen in sowjetische Gefangenschaft! [8]

Die Bildung eines Brückenkopfes auf dem Westufer der Oder war im Januar 1945 das wichtigste Ziel der 1. Belorussischen Front in der Neumark. Auf diesem Weg ließen die starken Vorausabteilungen der 5. Stoß-Armee und 2. Garde-Panzer-Armee Landsberg und Küstrin, wo sie mit Widerstand rechneten, links liegen und suchten den direkten Weg zur Oder bei Kienitz. Am Morgen des 31. Januar 1945 überquerten sie den mit einer dicken, allerdings nicht panzertragenden Eisschicht bedeckten Strom und besetzten das am linken Ufer liegende Dorf. Zur Sicherung gegen eventuelle deutsche Störangriffe aus dem Raum Küstrin stieß ostwärts der Oder die 219. Panzer-Brigade, der das im Brückenkopf Kienitz zurückgelassene Schützen-Bataillon fehlte, mit aufgesessener Infanterie in Richtung Küstrin vor. Im Verein mit der 19. mechanisierten Brigade und dem 347. schweren Selbstfahrlafetten-Regiment des gleichen Korps versuchte sie, die Neustadt aus der Bewegung zu nehmen. Am frühen Nachmittag des 31. Januar drangen 15-20 Panzer in zwei Rudeln (5 durch die Schlageterstraße und 10-15 durch den Drewitzer Unterweg) völlig überraschend von Alt Drewitz her in die Neustadt ein. Am Nordende der Schlageterstraße stießen sie auf eine deutsche Sicherung. Auf jeder Seite hatte sich eine Gruppe Panzergrenadiere eingegraben. Zum Panzer-Grenadier-Ersatz-Bataillon 50 gehörend, bestanden sie aus zwei Wochen zuvor einberufenen blutjungen Rekruten mit erfahrenen Gruppenführern. Während vier Panzer mit aufgesessener Infanterie in großer Geschwindigkeit weiterfuhren, stoppte der fünfte, und seine Schützen sprangen ab. Nachdem der Unteroffizier einen Russen erschossen hatte, fiel er selbst einem MPi-Feuerstoß und die geschockten 10 Männer seiner Gruppe Genickschüssen zum Opfer. Die zweite deutsche Gruppe auf der anderen Straßenseite, Zeuge des Vorgangs, schoß mit der Panzerfaust dem Panzer eine Kette ab, erledigte die flüchtenden Russen mit dem MG und die im Innern des Panzers durch eine hineingeworfene Handgranate. Das war die erste Feindberührung Küstrins. Die vier durchgebrochenen Panzer erreichten ihr Ziel, die Straßenbrücke über die Warthe nicht, obwohl sie bis zum Stern vordrangen, Schäden und Verwirrung verursachteten, sich aber danach wieder zurückzogen. In der Plantagenstraße verloren sie zwei weitere, mit Panzerfäusten abgeschossene Kampfwagen amerikanischer und britischer Herkunft, einige tote sowie mehrere in der Nähe gefangene Rotarmisten. Das größere Panzerrudel hielt sich zurück, vernichtete nahe der Angerstraße eine deutsche 3,7-cm-Flak samt Bedienung und büßte einen vorgeschickten Panzer ein, der vor der Zellstoffabrik umkippte. Der feindliche Panzereinbruch offenbarte die mangelhafte Küstriner Verteidigungsvorbereitung, obwohl die Festungskommandantur bereits vor diesem Zeitpunkt über die feindliche Brückenkopfbildung in Kienitz informiert war! Denn eine gute Stunde vor der ersten Feindberührung in der Neustadt hatte Major Weikl, der Kommandeur des in Küstrin stationierten nordkaukasischen Einsatz-Bataillons, vom Festungskommandanten Befehl erhalten, sich Richtung Kienitz in Marsch zu setzen und dort die Führung von zwei Bataillonen zum Einsatz gegen den russischen Brückenkopf zu übernehmen. In der abendlichen Dunkelheit des gleichen Tages mißglückte ein Handstreich sowjetischer Infanterie auf die untere Eisenbahnbrücke über die Warthe. Nur Minuten vor den Russen trafen Teile einer infanteristisch eingesetzten deutschen Flak-Kompanie am Bahndamm ein und konnten den zum Sprung auf die Brücke ansetzenden Gegner abwehren, während direkt in ihrem Rücken nichtbeleuchtete Züge aus dem Hauptbahnhof in die Altstadt und weiter über die Oder fuhren. Die rechtzeitig eingetroffene Flak-Kompanie hatte bis zum Abend in Tamsel die Reichsstraße 1 gesichert und "Königstiger" der Division "Woldenberg" erwartet. [9]